Klassenfahrt für’s Branchefolk

Das Musikhuset Aarhus
Das Musikhuset in Aarhus

Puh. Was für ein ein Wochenende.

Zum dritten Mal hat die Cruchy Frog-Crew einen Kleinbus voll deutschen Branchefolk (das scheint ein echtes dänisches Wort zu sein) zum Spot Festival ins beschauliche Aarhus kutschiert, um mal zu zeigen, wie toll die dänische Musikszene ist. Ich durfte zum zweiten Mal auf diese Journalisten-Klassenfahrt mit, zu der das dänische Musikexportbüro Rosa, The Danish Rock Council, eingeladen hatte.

Solche Ausflüge sind immer nett und immer lehrreich: schließlich hat man – und ja, das sollte eigentlich nicht so sein – viel offenere Ohren, wenn man entspannt und von lauter attraktiven Dänen (Style: Rockstar in Skinny Jeans) und Däninnen (Style: Rockstar-Girlfriend in Leggings und Vintage-Minikleidchen) sonnenverbrannt mit einem Bier in der Hand (selbst wenn das umgerechnet fünf Euro kostet und erst nach dem dritten Becher wirklich schmeckt) in einem schönen Club steht und einer Band zum ersten Mal zuhört, als wenn man den großen Stapel Promo-CDs mit pseudo-enthusiastischen One-Page-Pitch-Texten vom großen „To-Do“-Stapel auf dem Schreibtisch durcharbeiten muss.

Crunchy-Krümel kuschelt mit Arte-Toto
Kuschelstimmung: MME/Arte Tracks-Toto und Crunchy-Krümel

Das Spot findet im und um das Musikhuset-Konzerthaus in Aarhus und in ein paar Clubs von Dänemarks niedlicher zweitgrößter Stadt statt; alles ist bequem zu Fuß zu erreichen und die Locations wirklich fein. Jede Band spielt erfrischende 40 Minuten, der Sound ist überall bestens, das Licht auch, und drängelig ist es nur dann, wenn eine der dänischen Hype-Bands, auf die die Jugend von heute so abfährt, spielt.

Die Kinder mögen Elektro-Rock
Kreisch! Kreisch!

115 Bands gab es in diesem Jahr auf dem Spot, und das Blödeste am Festival ist natürlich, dass man zwangsläufig höchstens 20 Prozent aller Bands angucken kann, wenn man die Gigs vollständig sehen und nicht zu arg von einem Konzert zum nächsten hetzen will. Mehr blöde Sachen gibt es allerdings nicht am Spot.

Selbst die Business-Seminare sind lustig: an der Podiumsdiskussion „My Way, The Old Way, The Radiohead Way, or The (Digital) Highway?“ (eigentlich „Wie können wir irgendwann noch mal Geld mit Musik verdienen?“) nahm tatsächlich jemand teil, der 360°-Verträge vollkommen okay fand und krawallig verteidigte. Selten, nein, noch nie bei einer solchen Veranstaltung so gelacht!

Die ganze dänische Indieszene kommt jedes Jahr zum Spot, und deswegen ist das alles auch noch irgendwie wie ein Familientreffen auf dem Dorf (viel Bier, viel Tanzen, viel laute Musik). Nur fast ohne doofe Verwandten und mit besserer lauter Musik. Für die Herren Crunchy Frog-Hamburg ist das Spot deswegen – trotz einiger Arbeit – natürlich besonders nett, schließlich reist die Besatzung des Crunchy Frog-Mutterschiffs aus Kopenhagen an, und auch die Crunchy-Künstler trekken zu den Bauern nach Jütland.

Kim & The Cinders im Dub-Zelt
Kim & The Cinders im Dub-Zelt

Und sie kommen nicht alleine.

Kim Kix, sonst mit Powersolo unterwegs, spielte im winzigen Zelt der dänischen Indie-Labels mit seiner zweiten Band Kim & The Cinders und ließ nicht nur seine niedlichen Kinder im Grundschulalter bei einem Song mitsingen, sondern hatte an den Tasteninstrumenten und der Gitarre einen grauhaarigen Herrn dabei, der mir irgendwie bekannt vorkam, den ich aber nicht so richtig einordnen konnte. Erst nach dem Gig fiel mir ein wer der Herr war: Giant Sand-Frontmann Howe Gelb.

Howe Gelb
Huhu, Howe!

Mindestens genau so toll war der Gig des allerliebsten Crunchy-Knaller-Duos Snake & Jet’s, die am Samstagabend, quasi als Headliner, einen herrlich dudeligen Tanz-Gig spielten.

Unser liebstes Knaller-Duo: Snake & Jet's Amazing Bullit Band
Dudel! Dudel! Tanz! Tanz!

Aber Bands wie Powersolo, Kim & The Cinders, die wunderbaren Festival-Opener Murder und Snake & Jet’s kannte man als Dänen-Musik-Fan auch schon vor dem Festival. Über die freut man sich dann sehr, aber viel spannender war es natürlich, neue Bands auf dem Spot anzugucken.

No and the Maybes zum Beispiel, die herrlichen Preppy Pop mit Beach Boys-Gesang machen, und nach ihrem Spot-Gig ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben. Oder die bei Warner gesignten Stalingrad Cowgirls (ja, das ist ein wirklich doofer Name für eine finnische Band) mit ihrem Kaugummi Punk-Rock. Auch Boys in a Band von den Faroern waren toll und ließen selbst mich einen Gig lang glauben, dass ein Glam-Rock-Revival zumindest unterhaltsam sein könnte. Hjaltalín aus Island und die Dänen von Jong Pang machten mir Orchester-Pop-Mögerin großen Spaß.

Hjaltalin
Die Mitglieder von Hjaltalín sehen ein bisschen wie die Kelly Family aus, machen aber sehr viel bessere Musik.

Der Trend (Aua! Böses Wort!) geht auf jeden Fall zur Groß-Band mit möglichst obskuren Instrumenten, und auch die Kiddie-Bands waren wieder mal überaus präsent in Aarhus: Nachdem Dúne-Songs ja mittlerweile auf MTV laufen und die kleinen Poser-Kids ihre Schulabschlüsse mittlerweile gemacht haben, schicken sich Electrojuice an, stolz den Titel der „Jüngsten Hype-Combo Skandinaviens“ zu tragen. Die Herren sind angeblich gerade mal 15.

Das nächste (oder vielleicht auch übernächste, kommt drauf an, wieviel Platz in den nächsten Monaten neben Veto sein wird) wirklich große dänische Ding habe ich auch gesehen: Choir of Young Believers, die Band von Jannis Makrigiannis. Zusammen mit einer Band aus lauter Mitgliedern anderer dänischer Bands macht er große, raumgreifende, verspielt instrumentierte Folk-Pop-Songs, die das Herz erwärmen und überhaupt einfach toll sind. Im Spätsommer erscheint das erste Album von COYB auf Tigerspring; bis dahin muss man die schöne EP „Burn the Flag“ noch auf Repeat hören. Die dänischen Kinder waren – trotz fehlendem Bravo-Appeal des Vollbarts von Frontmann Jannis – vollkommen zu recht hin, weg und kreischig.

Next big danish thing: Choir of Young Believers
Auf den Band-Merkzettel damit: Choir of Young Believers

Heute ging die Bustour nach drei Tagen Festival-Spass zurück nach Hamburg. Das Branchefolk war furchtbar übermüdet und hat nicht nur jeweils einen Sonnenbrand und den einen oder anderen Kater mit in den Kleinbus nach Hause genommen, sondern auch Taschen voller Promos. Und die landen ganz sicher nicht auf dem großen „To Do“-Stapel auf dem Schreibtisch, sondern im „To make other people listen to“-Fach direkt neben dem CD-Player.

Danke, Crunchys.
Danke, liebe Crunchys.

Danke, Rosa. Das war alles mehr als nett. Können wir das nächstes Jahr wieder so machen?

Mange tak & mange kys,
Caro für das deutsche Branchefolk

P.S. Branchefolk-Kerl Matthias Cromm wurde gleich noch von den Spot-Leuten interviewt. Wie David Fricke auch! Yay, Matze!